Leseproben

Flederli Dreiknopf - Der Geheimplan

1.Kapitel

Drei wunderbare Knöpfe

Es ist ein schöner Abend im Frühling. Langsam beginnt die Dämmerung und legt sich wie ein weiches, warmes Tuch über die Wiese. Sie steht in voller Blüte und ist mit Apfelbäumen übersät, von denen einer ganz besonders ins Auge fällt. Er ist uralt und hat einen knorrigen Stamm, in dem wir eine große runde Höhle entdecken. Neugierig treten wir näher heran und blicken in diese geheimnisvolle Baumhöhle hinein.

Im schwindenden Tageslicht ist gerade noch zu erkennen, dass dort seltsame Gestalten von der Decke herabhängen.

Doch in dem Moment schrecken wir zurück. Dicht neben uns am Fuße des Baumstammes hat sich etwas bewegt. Dort lauert plötzlich ein nachtgraues Wesen mit gelben Augen und blickt gierig zur Baumhöhle hinauf. Verdächtig leise umschleicht es einmal den Stamm und nimmt danach wieder seinen Lauschposten am Fuße des Apfelbaumes ein.

»Aufwachen! Aufwachen!«, dringt plötzlich eine Stimme aus der Baumhöhle. »Los, ihr Langschläfer! Gleich wird es dunkel! Ab geht’s! Schnell von der Decke herab!«

Wir schleichen ganz leise von dem alten Apfelbaum weg und suchen uns einen anderen Baum, von dem aus wir die Höhle besonders gut beobachten können. Wir klettern auf den Baum hinauf und sehen gerade noch, wie sich das nachtgraue Wesen unter dem Apfelbaum auf leisen Sohlen davonstiehlt. In der Höhle entsteht jetzt Bewegung. Die Gestalten an der Decke beginnen sich zu regen. Ein Wesen ist bereits von der Decke auf den Höhlenboden gefallen. Wir müssen blinzeln und uns konzentrieren, um die Dunkelheit zu durchdringen. Doch sogar einen winzig kleinen Herd können wir in diesem Zuhause entdecken.

Wir machen es uns auf unserem Beobachtungsposten im Baum bequem und sehen, wie das Geschöpf nun vor den kleinen Herd tritt, behutsam den Deckel eines Topfes hebt und aufmerksam den Inhalt beäugt. Blitzschnell greift es hinein und angelt etwas Zappelndes heraus. Der Topf wird wieder fest verschlossen und laut knackend zerbrechen kleine scharfe Zähne den Panzer eines dicken schwarzen Käfers. Das Knacken wird von behaglichen Schmatz– und Schlurflauten begleitet. Auch die drei noch an der Decke hängenden Gestalten rühren sich flatternd. »Uaaah«, grummelt ein Wesen laut. »Guten Abend! Ist denn schon wieder Nacht, ich bin doch gerade erst eingeschlafen!«

Nun fällt es uns wie Schuppen von den Augen und wir fallen vor Aufregung fast vom Baum. Wir haben eine Wohnhöhle von Fledermäusen entdeckt!

»Da Flederli, nimm!«, ruft die Fledermaus vor dem Topf, hebt erneut den Deckel und wirft der kleinsten Fledermaus einen Falter zu.
Der Nachtfalter schwirrt durch die Luft an die Decke auf die Fledermaus zu, die Flederli genannt wurde. Geschickt katapultiert Flederli ihn mit dem Flügel jedoch wieder zurück. »Die mit den dunklen Punkten mag ich doch nicht, Mutter!«, mault Flederli von der Decke herab. »Die haben so einen bitteren Nachgeschmack auf der Zunge!« Die Fledermausmutter hat den Falter inzwischen wieder geschickt aufgefangen und in den Topf zu den übrigen gestoßen. Flederli pendelt erwartungsvoll an der Decke hin und her.
»Weiß du, ich würde lieber so einen saftigen, pelzigen haben«, schnurrt er genussvoll. »Hier, auf besonderen Wunsch ein Eulenfalter!« Die Mutter angelt abermals einen Falter aus dem Topf. Geschickt fängt Flederli den Falter mit seinem Flügel auf und schleudert ihn in den Mund. Er kaut zufrieden und schluckt. »Mmh, lecker, ganz weich und schleimig! Gerade so, wie ich es am liebsten mag!« Wohlig seufzt er und schließt genüsslich die Augen.
»Iss auch noch einen fetten, vitaminreichen Käfer! Denk daran, der Winterschlaf hat Kraft gekostet!«, mahnt die Mutter und wirft ihm einen dicken zappelnden Käfer zu. Flederli katapultiert die Mahlzeit gekonnt in den Mund. Die harte Schale des Käfers knackt mit lautem Krach. Genießerisch kostet er den wunderbar nussigen Geschmack des Käfers auf der Zunge. Die harten Überreste spuckt er einfach auf den Boden. »Mmh, das tut gut!« Flederli ist rundum zufrieden.
»Kratze dich jetzt bitte und dann ab mit dir in die Schule!«, ermahnt der Vater ihn, der eilig von der Decke herabflattert. »Warum muss ich mich jeden Abend kratzen?«, murrt Flederli.
»Weil wir Fledermäuse uns alle kratzen«, entgegnet die Mutter. »Das ist gesund. Oder willst du voller Ungeziefer stecken?« »Aber ich bin doch so oft am Wasser, weil ich so gern schwimme«, grummelt Flederli, »das sollte doch reichen!« »Ich will kein ›Aber‹ hören, das weißt du genau! Los, los, kratz dich jetzt und dann ab in die Schule!«, rügt der Vater unnachgiebig. Grummelnd beginnt Flederli, sich zu kratzen.
Dabei achtet er darauf, die drei Knöpfe auf seinem Bauch nicht zu berühren.

Knöpfe? Ja richtig! Er hat drei Knöpfe auf seinem Bauch, das können wir aus unserem Baumversteck heraus genau erkennen.

Vorsichtig kratzt Flederli um den oberen Knopf herum.
Dann kratzt er behutsam um den mittleren Knopf herum. Der sitzt dort, wo normalerweise der Bauchnabel ist.
Zum Schluss kratzt er ganz sorgfältig um den unteren Knopf herum.
»Fertig«, bemerkt er schließlich erleichtert und flattert zum Höhlenausgang. »Dunkel genug, die richtige Zeit, um in die Schule zu fliegen!«
»Pass auf, dass du den Ratten nicht begegnest! Flieg einen großen Bogen um sie herum, Flederli Dreiknopf«, meldet sich nun auch der Großvater zu Wort, der bislang noch behaglich dösend an der Decke gehangen hatte.
»Ach was«, entgegnet Flederli Dreiknopf, »du musst dich nicht sorgen. Wozu habe ich meine drei Knöpfe!«


Flederli Dreiknopf - Der Geheimplan

6.Kapitel

Flederli und der Uhu

Flederli Dreiknopf flattert voller Stolz die lange Straße entlang, die zum großen See führt. Über ihm erscheint der Himmel wie blank gefegt, und die Sterne beginnen zu glitzern. »Und wenn ich heute noch Selli treffe, dann ist die Nacht perfekt«, denkt er versonnen.
Die Luft ist rein und für eine Frühlingsnacht schon angenehm warm.
»Fast schwül«, denkt Flederli. »Hoffentlich gibt es kein Gewitter!«
Er blickt um sich, kann jedoch kein Wölkchen erkennen. Die seichte Brise dringt durch Flederlis braunes Fell, streift sanft seinen Bauch und fühlt sich herrlich samtig auf den Flügeln an. Flederli atmet tief ein. Die Brise ist ihm angenehm. Unentwegt sendet er unterwegs Schallsignale aus. An dem zurückkehrenden veränderten Echo erkennt er, dass noch etliche Falter und Mücke unterwegs sind. Aber er hat keinen Hunger. Er denkt nur an seine Aufgabe, den Plan schnell und sicher der Unke zu überbringen. Unter sich sieht er die Lichter der Autos hin und her huschen. Straßenlaternen beleuchten einzelne Fußgänger und nächtliche Radfahrer.
Plötzlich verändert sich das Echo seines Schalls ganz gewaltig und er starrt neugierig in die Dunkelheit. Vor ihm taucht die dicke Barbara auf.
Beide begrüßen sich mit ihren Rufen im Fluge. Flederli achtet ängstlich darauf, dass Barbara nicht in den Korb schauen kann.
»Was willst du denn mit einem Korb?«, prustet Barbara los. »Damit siehst du aus wie eine Marktfrau. Etwas fehlt noch, ja warte, ich habe es. Dir fehlt noch ein Kopftuch, dann kannst du den Marktfrauen vor der großen Marktkirche Konkurrenz machen!«
»Ha, sehr witzig!«, grummelt Flederli und überlegt, was er Barbara erzählen kann. »Ich muss zur Zauberunke an den See, ich soll Spinnbeintee holen!«
»Igitt, du holst den Tee freiwillig, das würde ich nicht mal für drei Pfund fette Falter zur Belohnung tun.« Barbara blickt ihm tief in die Augen, sie mag Flederli sehr gern. »Was machst du danach?«, will sie wissen.
»Weiß noch nicht«. Flederli will Barbara ausweichen. Ihre Schwärmerei für ihn ist ihm lästig.
»Vielleicht schaue ich bei Toni vorbei«, antwortet Flederli vage.
»Wenn du den dämlichen Korb losgeworden bist, kannst du ja anschließend zum Opernhaus in die Altstadt kommen«, meint Barbara hoffnungsvoll.
»Was machst du am Opernhaus?«
»Ich treffe mich dort mit jemandem!«
»Wohl mit jemanden aus der Schule?«, fragt Flederli beiläufig.
»Ja, ich habe mich dort mit meiner Freundin Selli um zehn Uhr zum Umherflattern verabredet. Komm doch mit!«, meint Barbara hoffnungsvoll.
»Mmmh, werde ich mir noch überlegen!«, brummelt Flederli.
Barbara und schaut ihn lauernd an. »Bist du etwa in Selli verknallt?«
»Wer erzählt denn solch einen Blödsinn!«, erwidert Flederli hitzig.
»Für mich ist es wohl besser, wenn du nicht zu uns kommst!«, sagt Barbara eifersüchtig.
Gerade will sie davonrauschen, als aus der Ferne ein großer Uhu naht.
Das pfeifende Geräusch der todbringenden Schwingen kommt rasch näher.
»Schnell, Barbara, weg von hier! Wir sind in höchster Gefahr!«, ruft Flederli warnend.
Flederli dreht seinen unteren Knopf zur Beschleunigung, fliegt wie ein Pfeil davon und hält den Korb fest in seinen Fußkrallen.
»Das ist unser sicheres Ende!«, denkt er verzweifelt. »Ich kann noch nicht mal einen winzig kleinen Looping zum Ausweichen fliegen! Verdammter Korb, wenn nur der Inhalt nicht so wichtig wäre!«
Der Uhu kommt rasch näher. Zielsicher rauschen die großen Schwingen durch die Luft. Barbara bemüht sich mit aller Kraft, genauso schnell wie Flederli zu fliegen, doch Flederli erkennt bereits aus den Augenwinkeln, dass es ihr nicht gelingen wird.
Fieberhaft überlegt er, wie er Barbara vor dem sicheren Verderben retten kann. Schon kann er den heiseren Schrei des Uhus hören.
»Wohin?«, ruft Barbara verzweifelt. »Flederli, hilf mir! Gleich hat er mich erwischt!«
Gerade fliegt Flederli an einem Hausdach vorbei, da entdeckt er durch das zurückkehrende Echo seines Schalls eine Lücke.
»Schnell, Barbara, hierher!«, schreit er, schnappt den Plan, wirft den Korb fort und kurvt eilig durch einen fehlenden Ziegel in den Dachstuhl hinein. Barbara sieht Flederli vor sich in einem dunklen Loch des Daches verschwinden.
In panischer Eile versucht sie ebenfalls, durch die schmale Lücke hindurch zu fliegen.
Doch kaum sind Kopf, die Brust und die Flügel durch die Lücke gelangt, geht ein gewaltiger Ruck durch ihren Körper. Ihr dicker Bauch! Sie sitzt fest, steckt im Ziegelloch wie ein Kork in der Flasche.
»Ich kann nicht weiter!«, ruft sie entsetzt. »Mein Bauch steckt fest! Hilfe! So hilf mir doch, Flederli!«

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